Coaching

Grenzen von KI im Coaching: ein Praxisfall aus der Führungsarbeit

Kann KI ein Coaching ersetzen? Nur zum Teil. KI bereitet Inhalte, Gesprächsaufbau und Formulierungen fachlich gut vor. Was sie nicht kann: Körpersprache lesen, nachfragen, wenn etwas nicht stimmig wirkt, und eine Führungskraft in ihrer Haltung so begleiten, dass ein schwieriges Gespräch gelingt.

„Das kann mir doch auch die KI vorbereiten.“

Stimmt. Zum Teil. Ein Fall aus meiner aktuellen Coaching-Arbeit zeigt, wo der Unterschied liegt. Er ist anonymisiert, die Situation kennen aber viele Führungskräfte.

Der Fall: ein Gespräch, das niemand gern führt

Eine Führungskraft kam mit einem konkreten Anliegen ins Coaching: Ein Mitarbeiter befand sich noch in der Probezeit und sollte nicht übernommen werden. Sie musste es ihm sagen.

Ihre Fragen waren zunächst sachlich:

  • Wie steige ich in das Gespräch ein?
  • Wie baue ich es auf?
  • Welche Rolle hat dabei die Personalabteilung?

Das ist der fachliche Teil. Den haben wir ganz klassisch vorbereitet: Ablauf, Einstieg, klare Botschaft, Rollen. Dafür hätte sie auch ein KI-Tool fragen können. Vermutlich hätte sie eine brauchbare Gliederung bekommen.

Was KI hier gut kann

Fairerweise gehört dazu: Bei der Vorbereitung eines solchen Gesprächs kann KI wirklich helfen.

  • Einen Gesprächsaufbau vorschlagen (Einstieg, Kernbotschaft, Abschluss)
  • Formulierungen anbieten und in verschiedenen Tonlagen durchspielen
  • Fragen sammeln, mit denen man rechnen sollte
  • Als Erinnerung dienen, woran man vorher denken sollte

Wer das nutzt, geht strukturierter in ein Gespräch. Rechtliche Fragen zur Probezeit gehören allerdings nicht in ein Coaching. Die klärt die Personalabteilung oder eine Fachanwältin bzw. ein Fachanwalt für Arbeitsrecht.

Und dann passierte etwas, das in keinem Leitfaden steht

Während wir den Ablauf besprachen, fiel mir etwas auf: Die Körpersprache passte nicht zu dem, was gesagt wurde. Auf dem Papier war alles klar.

Ich habe nachgefragt, ob die Führungskraft alles beisammen hat und sich fit für das Gespräch fühlt. Und da kam es raus: Nein, so richtig nicht. Sie hatte Mitleid mit dem Mitarbeiter, und das Thema belastete sie deutlich stärker, als ihre sachlichen Fragen vermuten ließen.

Ein besserer Gesprächsleitfaden hätte ihr an dieser Stelle nichts gebracht. Denn Wissen allein verändert noch kein Verhalten. Der Ablauf stand. Was fehlte, war die Haltung.

Also haben wir daran gearbeitet:

  • Was ist meine Rolle in diesem Gespräch?
  • Was darf ich klar sagen, und was liegt nicht in meiner Verantwortung?
  • Wie bleibe ich respektvoll, ohne die Entscheidung zu verwässern?

Wo KI an ihre Grenzen stößt

An genau dieser Stelle zeigen sich die Grenzen von KI im Coaching:

  1. Körpersprache erkennen. KI sieht nur, was jemand tippt. Ob die Stimme stockt, der Blick ausweicht oder die Schultern hochgehen, bleibt ihr verborgen. Dabei entscheidet das oft darüber, worum es im Coaching eigentlich geht.
  2. Nachfragen im richtigen Moment. Der Impuls „Ich habe das Gefühl, da ist noch mehr“ entsteht aus Beobachtung und Erfahrung, nicht aus einer Eingabe.
  3. Steuern und lenken. Ein Coach führt das Gespräch in die richtige Richtung, ohne die Antwort vorwegzunehmen. Und er hält es aus, wenn es unbequem wird.
  4. Haltungsarbeit. Hier geht es nicht um Wissen, sondern um Klarheit über die eigene Rolle. Die entsteht im Dialog mit einem Gegenüber, das die Person wirklich wahrnimmt.

KI und Coach im Vergleich

AufgabeKICoach
Gesprächsaufbau und Ablauf vorschlagengutgut
Formulierungen durchspielengutgut
Mögliche Rückfragen sammelngutgut
Körpersprache und Stimme wahrnehmennicht möglichja
Im richtigen Moment nachfragenkaumja
Ein Gespräch steuern und lenkeneingeschränktja
Haltung und Rollenklarheit entwickelnnicht möglichja

Die Tabelle ist meine Einschätzung aus der Praxis, keine Studie. Sie zeigt aber, wo die Unterschiede liegen: KI ist stark bei allem, was sich aufschreiben lässt. Ein Coach ist stark bei allem, was man im Gegenüber wahrnimmt.

Mein Fazit

KI ist ein nützliches Werkzeug für die Struktur. Ob eine Führungskraft im entscheidenden Moment klar und zugleich menschlich auftritt, entscheidet sich aber in ihrer Haltung. Und die entwickelt sich im Gespräch mit einem Menschen, der zuhört, beobachtet und nachfragt.

Deshalb steht bei wertetransfer® am Anfang jeder Zusammenarbeit: Zuhören und Verstehen.

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